Es ist halb zehn. Also noch fast Mitternacht. Das schrille, laute
Läuten meines
Handys dringt an mein Ohr und reißt mich unsanft aus meinen Träumen. Noch
nicht bei vollem Bewußtsein, krächze ich ein gerade noch verständliches „Hallo?“
in das Telefon. Prompt ernte ich ein Kompliment. „Deine Stimme klingt wie aus
der Gruft. War wohl eine feucht-fröhliche, ausgedehnte Nacht gestern, was?“
Es
bedarf nicht viel Vorstellungskraft, um mir das hämische Grinsen meiner Schwester
am anderen Ende der Leitung vorzustellen. Keiner schafft es so gekonnt wie sie,
meinem Schlaf immer vorzeitig ein Ende zu bereiten. Bei dieser Stimme wäre
jegliches Leugnen zwecklos. Also gestehe ich. Allerdings ohne jegliche Reue.
Ganz im Gegenteil. Mein Gesicht verzieht sich zu einem breiten Grinsen. „Ja,
hast ganz recht. Das Nachtleben in Graz kann oft sehr aufregend und
abwechslungsreich sein. Ich kann nicht verstehen, wie du Klagenfurt bloß einer
Stadt wie Graz vorziehen kannst. Also ich an deiner Stelle..“ kontere ich und
lande damit einen Volltreffer. Der Seitenhieb hat voll gesessen, und das
Gespräch endet nun doch recht abrupt.
Mein Bedürfnis, mir noch ein wenig Schlaf zu gönnen,
hat stark nachgelassen.
Schlaftrunken, böse Zungen würden es auch torkelnd nennen, stapfe ich ins
Badezimmer. Eine Dusche belebt die Lebensgeister. Gut für den Kreislauf,
schlecht für mein Ego. Jetzt erst sehe ich deutlich die geröteten Augen und
die Augenringe. Und meine Gesichtsfarbe war auch schon einmal rosiger.
Bevor ich anfange, mir Sorgen wegen meines Aussehens zu machen, beschließe
ich, auf schnellsten Wege wieder in mein Zimmer zurückzukehren. Während
ich zu allem, naja, fast allem bereit bin, fällt mein Blick auf ein überdimensionales
Garfield-Poster, das einen friedlich vor sich hinschlummernden Kater darstellt,
der von der Außenwelt gänzlich unbeeindruckt seiner Lieblings-Tätigkeit nachgeht.
Ich kann ob dieses Anblickes ein tiefes Seufzen nicht unterdrücken.
Einen Augenblick später entsinne ich mich aber, schon einmal gehört zu haben,
dass man jeden Morgen mit guten Vorsätzen beginnen sollte.
In der Hoffnung, dass der Tag mir diese „Geste“ vielleicht retournieren wird,
setze ich ein strahlendes Lächeln auf – und erleide kurze Zeit später einen
schweren Rückschlag, der es mir an diesem Tage wieder mal unmöglich macht,
meine Aversion gegen den Morgen abzulegen.
Aber das ist eine andere Geschichte.
la dolce lisa