Einmal Stadtpark, bitte !

Studienkollegen zum allseits beliebten Skripten-Austausch sind Mangelware, das Kopiergerät steht einem
sofort zur Verfügung, und den Sekretärinnen entkommt ein Anflug von Freundlichkeit. Manche Kollegen habe
ich schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen. Untrügerisches Zeichen dafür, dass der Frühling
Einzug gehalten hat. Böse Zungen behaupten, dass Studenten oft einiges entgeht, aber hier verhält sich die Sache anders.

Ist mein Verlangen nach meinen Kollegen unerträglich, so weiß ich doch, wo ich ihrer schnell fündig werden kann:
In einem Freiluftcafe oder im Stadtpark. Bestens motiviert, mit meinen Skripten unter dem Arm, beehre auch in
den Stadtpark. Die Endorphine arbeiten auf Hochtouren, und meine Laune bessert sich von Minute zu Minute.
Der Duft von Blüten und der angenehme Sättigungsgrad der Luftfeuchtigkeit gönnen meinen Bronchien nach den
belastenden Monaten des Winters eine willkommene Abwechslung. Ich hätte es besser wissen sollen. In dieser
Umgebung ist jeder ernstgemeinte Versuch, sich Wissen aus schlauen Büchern anzueignen, von Anbeginn an
zum Scheitern verurteilt. Zu groß sind die Ablenkungen und Versuchungen, dass selbst der disziplinierteste
Studierende seine Prioritäten neu überdenkt.

Waschbrettbauch, Nadja-Auerman-Beine und kalifornischer Teint sind auch heuer – oh welche Überraschung!-
wieder das Maß aller Dinge. Vie Schatten fällt auf jene, die diesen Idealen nicht entsprechen. Im Sonnenlicht
suhlen sich und erstrahlen die anderen, die wieder einmal in jeder Hinsicht „en vogue“ sind.

Bevor ich endgültig von Zynismus erfaßt werde, werde ich in die Realität zurückgeholt. Ein wuchtig geschossener
Volleyball geht haarscharf an meinem Ohr vorbei und wird zum Beinahe-Zerstörer meiner mühevoll hergerichteten
Fünf-Sekunden-Frisur. Die Strafe läßt nicht lange auf sich warten. Ich verlange als Wiedergutmachung ein
Volleyball-Match. 15:4 zu Ungunsten des Angeklagten. Herz, was willst du mehr?